Meine 5 besten Tipps für das Stricken von gut sitzenden Pullovern

Claudia mit einem Stapel handgestrickte Oberteile im Arm

“So schwierig kann es doch nicht sein, einen Pullover zu stricken! Es gibt doch jede Menge Anleitungen. Da muss ich doch nur meine Größe aussuchen und Garn und Nadeln kaufen, wie es in der Anleitung steht”, sagte sich Jutta, “Stricken kann ich doch.”

Der Pulli aus der Strickzeitschrift sah ganz cool aus. Vielleicht ein bisschen länger. Da gab es S, M und L als Größen. “Ich hab zwar M, aber er soll ja locker sitzen, dann nehme ich lieber L”, dachte sich Jutta, “das wird schon passen. Was ist denn das für ein Garn? Ach nee, da nehme ich einfach das, das ich noch zu Hause habe. Und ich stricke am liebsten mit einer 4 mm Nadel, die habe ich ja auch schon. Maschenprobe? Das ist doch was für Feiglinge! Das hält nur unnötig auf, ich will doch gleich anfangen. In der Anleitung steht bei Größe L soll ich 240 M anschlagen. Dann mache ich das doch mal.”

Eine Woche später. Juttas Pulli war inzwischen auf stolze 35 cm gewachsen, als sie feststellen musste, dass da noch locker zwei Hände mit rein gepasst hätten – das war ein Satz mit X, das war wohl nix Jutta. Vielleicht hättest du doch nicht so überstürzt anfangen sollen.

Damit dir so etwas nicht passiert, habe ich meine 5 besten Tipps für dich aufgeschrieben.

Inhaltsverzeichnis

Zwei Skizzen von Frauenoberkörpern mit markierten punkten und Linien und ein Maßband
Schemata des weiblichen Oberkörpers mit Meßpunkten und Maßlinien sowie ein Maßband

Ohne deine Körpermaße geht es nicht. Tipp 1: Suche dir eine Person, die dich ausmessen kann

Nimm ein Maßband und lege gleich einen Block und einen Stift bereit, dann kannst du die gemessenen Maße gleich aufschreiben. Du brauchst die Schulterweite, die Oberweite an der stärksten Stelle, die Länge von Mitte Schulter bis Mitte Unterarm (für das Armloch), die Ausschnittbreite und -tiefe sowie die Gesamtlänge. Für die Ärmel brauchst du noch den Oberarm- und Handgelenkumfang und die Länge von Mitte Unterarm bis Handansatz (für die Ärmellänge bei langen Ärmeln). Weitere Maße sind hilfreich, aber am Anfang muss du es auch nicht übertreiben.

Dann solltest du überlegen, wie locker dein Pulli sitzen soll. Du musst jetzt zur Oberweite, dem Armloch und Oberarm- und Handgelenkumfang festlegen, wieviel zusätzlich cm du bequem findest. Denn das sind die Maße, die meist in einer Strickanleitung findest. Am einfachsten kannst du das sehen, wenn die Anleitung eine Schemazeichnung hat. Dieser Raum zwischen Körper und Oberteil nennt sich Ease, das habe ich ein einem anderen Beitrag näher erklärt. Die anderen Körpermaße haben somit Zero Ease, also passen genau.

Schemazeichnung mit Bemaßung von 4 Strickdesigns: Raglan-, Drop-Shoulder-, Rundpassenschnitt und Oberteilschnitt mit eingesetzten Ärmeln
Die 4 häufigsten Schnittformen für Oberteile: (modifizierter) Raglan, Rundpasse, überschnittener Ärmel und eingesetzter Ärmel mit Armkugel – hier alle nahtlos und von oben nach unten gestrickt

Der beste Schnitt für dich. Tipp 2: Wähle den Schnitt deines (gekauften) Lieblingspullover

Damit kannst du am wenigsten falsch machen. Du kannst auch die Maße von diesem Pulli als Anhaltspunkt für deinen neuen Pulli nehmen und, vielleicht auch ein paar Anpassungen machen, die ihn noch besser machen. Du hast keinen Lieblingspulli oder bist dir nicht sicher, wenn du mehrere hast, welchen du nehmen sollst. Bei welchem Pulli bekommst du die meisten Komplimente, wenn du ihn trägst?
 

Du möchtest einen anderen Schnitt ausprobieren und weißt nicht, ob er dir steht? Gehe einfach mit Maßband, Block und Stift in ein Kaufhaus oder Bekleidungsgeschäft und probiere ein paar unterschiedliche an. Nimm dazu am besten eine Freundin mit, die dich unterstützt. Nimm die Maße des Pullis, der dir super steht und schreibe sie auf. Vergleiche sie mit deinen berechneten Maßen und passe sie an diesen Stellen.

Suche dir dann eine Anleitung aus, bei der Schnitt und Maße passen. Es ist gut, ein paar mehr auszusuchen und sich erst zu entscheiden, wenn du die weiteren Tipps gelesen hast.

Schneiderpuppe mit beigem Strickjackendesign, bei dem erst der Schulterteil fertig ist, von der Rückseite betrachtet
Schulterpartie eines neuen Strickdesigns, zur Überprüfung der Passform auf meiner Schneiderpuppe

Probiere deinen Pulli zwischendrin an. Tipp 3: Wähle eine Top-Down Anleitung

Top-Down bedeutet, dass ein Strickstück von oben, also an der Schultern und dem Halsausschnitt nach unten, zum Bündchen gestrickt wird. Diese Anleitungen sind meist nahtlos konstruiert. Das hat den Vorteil, dass du mit der Maschenanzahl beginnst, die deiner Schulterweite entspricht, und dann auf dem Weg zur Oberweite die Maschenzahl anpassen kannst, damit der Pulli dort gut sitzt. Du kannst auch mehr oder weniger Ärmelmaschen zunehmen, wenn du stärkere oder schmalere Oberarme hast oder mehr oder weniger anliegende Ärmel magst. 

Ich empfehle, nachdem du die Ärmelmaschen abgeteilt hast (wenn der Pulli denn Ärmel hat) noch 5 cm am Körper weiter zu stricken und dann alle Maschen auf ein Seil oder einen (kontrastfarbigen) Faden zu legen. So kannst du den Pulli anprobieren und sehen, ob er passt und du einfach weiter stricken kannst. Wenn du feststellst, dass er an einer Stelle nicht passt, solltest du unbedingt ERST SCHAUEN, WARUM das so ist und wie du es besser machen kannst, und dann erst wieder ein Stück aufziehen und korrigieren. Auch hierbei ist eine andere Person hilfreich. Sie kann mit Nadeln abstecken, wo der Pulli vielleicht zu weit oder zu lang ist, oder die Stelle markieren, an der er zu knapp ist. Und dann kann sie auch gleich messen und du kannst dann ausrechnen, wieviele Maschen und / oder Reihen zu viel oder zu wenig sind.

Lieber zu einem frühen Zeitpunkt schon korrigiert, als am Ende erst feststellen, dass der Pulli nicht passt.

Zwei Stränge aus Seidnemohair und Merinoseide, zwei Käuel aus Alpakamix und Leinen und drei Paar Bambusstabstricknadeln
Seidenmohair-, Merinomix-, Alpakamix- und Leinengarn sowie Bambusnadeln in unterschiedlicher Stärke

Experimentiere nicht mit Garnen. Tipp 4: Verwende keine andere Garnstärke oder andere Fasern

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Versuchung groß ist, unbedingt ein tolles Garn zu verstricken, das du dir auf einem Wollfest / in einem Wollladen gekauft hast, weil es so weich war oder die Farbe so toll und du dich schon in deinem Pullover aus dem Garn im Geiste sehen kannst. Aber glaube mir bitte, du kannst es nicht erzwingen, wenn das tolle Garn nicht zur Anleitung passt. Ich kenne einige enttäuschte Teststrickerinnen, die dann zwischendrin gemerkt haben, dass es nichts wird. Das solltest du dir ersparen und lieber ein Garn wählen, das dem in der Anleitung angegebenen ähnlich ist. Es ist leider auch keine Lösung, ein dünnes Garn zu nehmen und einfach zwei Größen größer zu stricken, da sich die Proportionen ändern.

Sicher kannst du ein reines Merinogarn mit einer Lauflänge von 400 m durch eines mit 365 m ersetzen, das ist meist kein Problem, da wir alles etwas anders stricken und es gegebenenfalls mit einer anderen Nadelstärke auch noch ausgleichen können. Und das reine Merinogarn kannst du auch durch eines ersetzen, das einen Seiden- oder Alpakaanteil hat. Aber je höher Anteil, die andere Faser hat, desto eher verändert sich auch die Eigenschaft des Garnes. Ein Pulli aus reinem Seidengarn wird meist bei Tragen enger und länger. Ein Kunstfaseranteil gibt dem Garn wieder Stabilität und wird deshalb gerne für Socken verwendet.

Und bei gleicher Lauflänge wiegen unterschiedliche Fasern auch unterschiedlich. Wenn du dir ein Leinengarn, ein Wollgarn und ein Mohairgarn anschaust, wiegt der Leinenpullover am meisten, dann kommt der Wollpullover und der Mohairpullover ist der leichteste. 

Du bist bei der Garnwahl also auf der sicheren Seite, wenn du ein ähnlich starkes Garn verwendest, das auch eine ähnliche Faserzusammensetzung hat. Und wie kannst du das am besten überprüfst, verrate ich dir im nächsten Tipp. 

7 Musterproben, die Claudia für ihre Strickdesigns gestrickt hat
Musterläppchen, die ich für meine Strickdesigns gestrickt habe. Maschenproben sollten aber größer sein.

Maschenproben ersparen Frust und Zeit. Tipp 5: Nimm dir Zeit, eine Maschenprobe zu stricken

Vielleicht gehörst du auch zu den Strickerinnen, die sich um das Stricken von Maschenproben drücken. Wenn du nur Tücher strickst oder andere Teile, bei denen es nicht auf die Größe ankommt, kannst du das machen. Es kann nur sein, dass bei abweichender Maschenprobe dein Garn am Ende nicht reicht.

Beim Stricken eines Pullis kann ich dir nur raten: Stricke eine Maschenprobe! Mit dem Garn und genau den Nadeln, mit der du auch anschließend den Pulli stricken wirst. Stricke nicht nur mit 20 Maschen und 5 cm hoch und ziehe sie nach dem Messen gleich wieder auf. Das ist definitiv zu klein. Schlage 3–5 Maschen für einen kraus rechten Rand an, dann 2–3 Maschen mehr als die Anleitung für 10 cm Breite angibt und dann wieder die Maschen für den Rand. Stricke erst 6–10 Reihen kraus rechts und dann erst den Rand kraus rechts, dann das Muster für das die Werte angegeben sind und dann wieder den Rand. Stricke nach dieser Aufteilung 2–3 Reihen mehr als angegeben sind und dann noch 3–5 Maschen kraus rechts und kette dann die Maschen locker ab.

Dann miss den inneren Teil deines Musterläppchens aus und schreibe dir auf, wie viele Maschen und Reihen du für 10 cm x 10 cm gestrickt hast. Jetzt kannst du dir das Strickbild schon mal anschauen, ob es dir gefällt und wie sich das Läppchen anfühlt. Dann wasche das Läppchen so, wie du später auch deinen Pulli waschen würdest. Wenn er noch zu nass ist, drücke ihn in einem Handtuch vorsichtig aus und lege ihn dann flach zum Trocknen hin. Danach miss wieder. Das ist jetzt die Basis für deinen Pullover, mit dem du nach den Maßen in der Maßtabelle schauen kannst, um die Größe(n) auszuwählen.

Extra-Tipp: Wasche auch deinen Pulli und lass ihn wieder trocknen, bevor du den Sitz in Tipp 3 prüfst. Du hast jetzt eine größere Maschenprobe, die eine bessere Grundlage dafür ist, welche Maße dein Pulli haben wird, wenn du ihn fertig gestrickt hast.

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